25. Dezember 2013, 13:04 Uhr

Last Night at the Kino Bar”, Baby you know

Heute Morgen wurde das bestätigt, was schon eine Weile als Gerücht die Runde machte:Die Kinokneipe, das Ostentorkino und das Chaplin müssen zusperren.
Nicht, weil es finanziell eng geworden ist (das Ostentorkino war vor drei Jahren insolvent, wurde dann aber von einer Betreibergesellschaft um Achim H. und Richard K. aufgefangen).
Nein, die neuen Besitzer der Immobilie haben andere Pläne als die Leute, die dort jetzt und in den vergangenen vier Jahrzehnten ein und aus gegangen sind. Das angeblich erste Programmkino Deutschlands und die über 41 Jahre alte Kneipe, die nicht weniger als zum Epizentrum der hiesigen Indie-Szene geworden ist, sollen weichen, weil dort “eine Disco oder eine Eventlocation” (siehe MZ-Artikel) entstehen soll.
Einen ähnlichen Weg ging man ja unlängst auch mit dem ehemaligen Gloria-Kino, deren Betreiber man nach der Sanierung immer mehr Knüpel zwischen die Beine warf (Anwohner-Proteste, keine Sperrzeitverkürzung, you name it). Aus dem vollmundig betitelten “Kulturtheater” ist inzwischen eine unregelmäßig geöffnete Sportsbar geworden ist, die traurig vor sich hin dümpelt. Kurz: An das Kino erinnern sich nur noch die älteren, glücklichen Zeitgenossen und auch die manchmal sogar ganz brauchbare Veranstaltungsörtlichkeit ist seit einiger Zeit Geschichte. Selbst das früher mal ganz hübsch anzuschauende Gebäude hat seinen Glanz längst verloren.
Aber darum geht es mir ja gar nicht.
Viel mehr geht es mir darum, dass ich nicht realisieren mag, dass ein weiteres, wichtiges Stück Regensburger Kulturgeschichte lieblos fallengelassen und mit einem Arschtritt (sicher mit blankgeputzten Lackschuhen) ins Grab befördert wird.
Als ich vor knapp zwanzig Jahren als aus der Provinz zugezogener Neu-Einwohner zum ersten Mal ein Regensburger Kino besuchte, war ich im Ostentorkino (es lief gerade “Clerks" - und zwar noch zu der Zeit, in der der 30.000-Dollar-Film ein Geheimtipp war, der in nur wenigen Kinos gezeigt wurde und der nicht synchronisiert war, weil man sich sicher sein konnte, dass sich der Aufwand für die Handvoll deutschsprachiger Kinobesucher eh nicht rentiert hätte). In meiner Zeit in Regensburg haben mich im Ostentorkino Jim Jarmusch, Lars von Trier, Richard Linklater, Wolfgang Murnberger, Robert Rodriguez, die Coen Brüder und wie sie alle heißen zu einem kulturinteressierten Menschen gemacht. Das spricht jetzt wohl gegen mein eh nicht vorhandenes Renommee, aber die Kunst, die mich in Kinos und in Konzertclubs erwartete, hat mich halt stets weitaus mehr angesprochen, als das, was mir in den (Regensburger) Museen gezeigt wurde.
Und noch mehr zu Hause als vor der Leinwand des Ostentorkinos habe ich mich hinter selbiger gefühlt.
In der Kinokneipe, dem wunderbaren Kleinod gastronomischer Raffinesse, hatte die komplette Regensburger (Indie-)Musikszene einen Platz vor oder hinter der Theke gefunden. Hier waren und sind die Gebrüder Teichmann, Beige GT, Zwei Tage: Ohne Schnupftabak, Containerhead, Archie Müller, SickSickSick, Herztechnik, Sonny Jim, Jenny Lund, Mason Dixon Line und unzählbare weitere Bands zu Hause (gut, die Bandmitglieder überschneiden sich mehr als häufig, soviele Leute passen da nämlich gar nicht rein). Baby You Know, Regensburgs erste Indie- und bis dato wohl auch international bekannteste Kinokneipen-Band, hat der “Boazn” gar ein Denkmal gesetzt und ihr bestes Album just “Last Night at tue Kino Bar" getauft.
In der Kinokneipe standen Musiker von Blumfeld, die Sterne, Kettcar, Slut und Logh nach ihren Konzerten am Kicker oder tanzten auf dem Tresen weiter. Und: In der Kinokneipe konnte man unvergessene Abende erleben, ohne das überhaupt dort vorgehabt zu haben. Man musste nachts um zwei nur mal kurz nachschauen, ob der Klaus vielleicht da ist (was für ein bescheuerter Vorwand? Der Klaus war ja immer da) und schon war man in einem verschworenen Paralleluniversum gelandet, in dem die ganze Nacht lang wortlos legendäre Radrennen auf einem kleinen Fernsehapparat anschauen konnte, während aus dem Boxen die Flaming Lips oder Notwist die andächtige Stimmung musikalisch untermalten. Zum Beispiel. Oder: Nicht selten habe selbst ich bierselig an irgendeinem kleinen Tisch im Séparée eine Kinokneipen-Band gegründet. Anmerkung: Ich kann weder ein Instrument spielen, noch kam es je zu einer ersten Bandprobe.
Kurz: Ich habe dort unzählige überschwängliche Augenblicke erlebt, in denen ich die Faust (oder die Bierflasche) in den Himmel reckte und wusste: Es geht alles!
Ach, und jetzt (oder, auch nicht besser: in zwei Jahren) soll das alles vorbei sein und in den Räumen eine Eventlocation entstehen (wo bleibt denn da die Unesco?). Mich wundert nicht, wenn noch mehr Leute in andere Städte abhauen, weil sie plötzlich feststellen: “Geil! Hohe Mieten kann ich ja auch in München zahlen.”
So bekommt Regensburg und seine Kultur ihren liebenswerten, spröden Charme wegpoliert.
Es ist zum Speien.
Foto: Albumcover “Last Night at the Kino Bar”, Baby you know

Eine der letzten gewachsenen Kneipen in Regensburg soll dem Kommerz weichen! Ebenso das Ostentor-Kino und das Chaplin samt wunderschönem Biergarten!
Es ist eine Schande und nicht zu fassen!!!!

Erstellt von: hans