02. Juni 2012, 15:00 Uhr

Vier Jahrzehnte Kino-Kneipe im Stadtosten

Wenn die Boulekugeln wieder auf den Boden treffen, machen sie auf dem Kies im Biergarten der Kino-Kneipe ein Geräusch, als ob jemand vom Beckenrand ins Wasser springt. Während der Werfer seine Punkte zählt, holt einer seiner Mitspieler eine neue Runde Getränke an der Bar der Kino-Kneipe - so entspannt wie an diesem Nachmittag wird es heute im Biergarten der Kino-Kneipe sicher nicht zugehen. Am heutigen Samstag wird die Kino-Kneipe 40 Jahre alt und der Pächter Hans Geldhäuser hat ein großes Fest - pardon, ein Festival - für seine Gäste organisiert.
Der Kiesboden im Biergarten der Kneipe ist Hans' Ansicht nach ein treffendes Bild für seine Stammgäste. Denn sie würden wie ein Kiesbett jeden aussieben, der die entspannte Atmosphäre der Kneipe stören will. Jemand der Krawall macht etwa, würde in solchen Situationen schnell alleine dastehen und auch nicht wiederkommen. So gab es in den vergangenen 40 Jahren keine einzige Schlägerei. Die Kino-Kneipe sei auch kein Baggerschuppen: "Wenn eine Frau alleine hierherkommt, braucht sie nicht zu befürchten, blöd angemacht zu werden", sagt er. Und falls doch, würde das seine Stammgäste auf den Plan rufen.
Die urbane Oase feiert.
An der Stelle, wo sich sonst die lässige Boule-Runde trifft, steht heute eine Bühne, auf der sich ab 15 Uhr Bands aus 40 Jahren Kneipengeschichte Gitarre und Drumsticks in die Hand geben werden, um die urbane Oase im Stadtosten hochleben zu lassen - und zwar ordentlich. Dessen kann sich der geneigte Besucher sicher sein, denn als Pächter Hans Geldhäuser im April beschloss, das Kneipenjubiläum groß zu feiern, rannten ihm die Bands sein Büdchen ein. Der Wirt konnte sich also aussuchen, wer der Kneipe - wohlgemerkt für lau - ein Ständchen geben darf.
Ein Schelm, wer denkt, dass die Musiker dies tun, weil sie noch einige Kugelschreiberstriche auf ihren Bierdeckel nicht bezahlt haben. Obwohl das nicht ganz abwegig ist, fühlen sich die Musiker ihrem Wirt aber wohl auch ein gutes Stück verpflichtet. Viele der Auftretenden sind seit Jahren Stammgäste und schätzen den eigenen Flair der "Kneipe". Wenn die Musiker dieses Wort aussprechen, verwenden sie es als Synonym für die Bar im Stadtosten. Diesen Begriff verwenden übrigens nicht nur die Bands aus Regensburg. Die Künstler von Marin Radio, Containerhead und Trashing Days nahmen hier ebenso ihren Absacker, wie Hans-Jürgen Buchner von Haindling oder auch die Musiker von Bap.
Promi trifft auf Arbeitslosen.
Der Promi-Status seiner Gäste ist Hans relativ egal: "Mir ist ein Arbeiter oder Hartz-IV-Empfänger genauso willkommen wie ein Professor oder ein Musikstar." Hauptsache, es seien nette und liebe Gäste, die sich in der Kino-Kneipe wohlfühlen. Deswegen liegt es ihm auch fern, seine Stargäste groß anzukündigen. Wenn die Promi-Gäste zu ihm kommen, weil sie die Kino-Kneipe mögen, schmeichelt ihm das zwar - jedoch nicht mehr oder weniger als bei jedem anderen seiner Gäste.
Schließlich kommen sie alle ganz bewusst in die Kino-Kneipe. Der Gast muss sie schon ein bisschen suchen zwischen Nibelungenbrücke und Ostentor, zwischen Donaudampfschiffen und Bordell. Sie liegt abseits von der Kneipendichte der Altstadt: "Wer hierherkommt, bleibt dann auch ein paar Stunden, woanders kann er in dieser Gegend sowieso nicht hin", sagt Hans. Souverän hält er sich also sein Stammpublikum trotz Abseitsstellung ohne Stargastrummel und Flatrate-Sauferei.
Ob der bisweilen hohe Besuch - zudem Hans zufolge zu seinen Lebzeiten auch Fürst Albert von Thurn und Taxis zählte - immer so genau weiß, wie es mit der Kino-Kneipe seinen Anfang nahm, darüber kann spekuliert werden. Denn wo die Stammgäste heute an der Bar philosophieren, befand sich bis 1972 der Durchgang zu den Kino-Toiletten. Angefangen hat alles mit einem Tresen aus Sperrholzplatten, an dem Getränke verkauft wurden. Bald kamen ein paar Tische dazu, das Vordach, die Außenbar.
Handarbeit im Hippielook.
Deswegen schmiegt sich hier ein Raum an den anderen. Alles ist so verwinkelt, weil jedes Eck je nach Bedarf in Handarbeit an- und ausgebaut wurde - das ist der spezielle Charme der Kneipe. Sie braucht keine Möbel vom Flohmarkt - die Einrichtung der Kinokneipe trägt echte Patina. Sie ist nicht retro, denn sie war nie weg.
Ein Heidengeld hätten damals die Plakate gekostet, die sich der damalige Pächter Werner Hofbauer immer wieder vergrößern ließ, bis er im hinteren Teil der Kneipe ganze Wände damit tapezieren konnte. Seither blicken Karl Valentin, Charlie Chaplin und die Session-Teilnehmer aus Doktor Mabuse auf die Kneipenbesucher hinab. Im Laufe von 40 Jahren kamen Autogramme der prominenten Besucher auf den Wänden und auf Autogrammkarten als Dekoelemente dazu.
Auch die Regensburger durften sich verewigen: Anhand der Aufkleber auf dem Kühlschrank der Außentheke etwa lassen sich "Anti-Rechts-Designs" aus vier Jahrzehnten verfolgen. Vom klassischen Antifa-Logo über die Kampagnen aus der Zeit der Anschläge in Solingen und Rostock bis hin zu Street-Art Stickern, die den Neonazis heute den Kampf ansagen.
Die Kinokneipe ist der Ansicht von Hans nach wie ein Chamäleon. Während der Fußballwelt- oder -europameisterschaften würden sich hier die Fans der unterschiedlichen Teilnehmernationen genauso in den Armen liegen wie jedes Jahre im März die Preisträger der Regensburger Kurzfilmwoche.
Die große Geburtstagsfeier der Kino-Kneipe steigt ab heute, Samstag, 15 Uhr im Biergarten und in der Kneipe selbst.

Es spielen: BU, Containerhead, Folding Bike, Handish, Irish Handcuffs, Jenny Lund, Marin Radio, Mason Dixon Line, Pet us to Death, Sick Sick Sick, The Trashing Days, Beige GT, Littarist&  Baendit und Sound the System.
Einfach nur "Kneipe" heißt die Bar im Jargon der Stammkunden. Auf die Verwendung dieses Synonyms für seine kleine Bar ist der Pächter stolzer als auf die Promis, die bei ihm regelmäßig ein und aus gehen. Dazu zählen auch der österreichische Kabarettist Josef Hader.(la)

Erstellt von: hans