DIE KINOKNEIPE

von Medard Kammermeier

Am Anfang war DIE KINOKNEIPE nicht mehr als ein Vorraum zu einer Toilette hinter einer Kinoleinwand, irgendwo im Osten einer Stadt. Wahrscheinlich 1972 entstanden, aber in Wirklichkeit schon ewig existierend. Viele andere Kneipen wurden seitdem in dieser Stadt eröffnet, wurden zu Institutionen und verschwanden doch wieder. DIE KINOKNEIPE blieb.

Sie war klein, das Licht schummrig, und am schummrigsten war eine Ecke, die heute verschwunden ist. Dort saß ich zum ersten Mal 1973 mit meinem Freund. Der saubillige und süße Rotwein hieß "Burgadler" und konnte in poppigen 0-3l-Ballongläsern am Tresen abgeholt werden. Die legendären frischen Brezen wurden, in einem wahnsinnigen Servicekörbchen, ebenfalls am Tresen bereit gestellt. Bedient wird natürlich nicht.

Der Tresen 1973 - gleich rechts, wenn man aus dem Durchgang neben der Leinwand in DIE KINOKNEIPE trat, nach dem Abspann eines Bergman- oder Fellini-Films - war eine raffinierte Weiterentwicklung der hochemanzipatorischen Obstkisteninnenarchitektur und nahm die erste Ikea-Ansiedlung in Deutschland visionär vorweg. Hinter dem Tresen standen Menschen, auch das eine visionäre Entscheidung, die weniger wie versierte Thekenkräfte auftraten und wirkten, sondern wie besonders routinierte und zähe Basis- und Stammbesucher. Die Thekenkräfte hatten sich eigentlich um Filme und Schallplatten und Konzerte zu kümmern, taten ihren Job aber trotzdem: Getränke aus Flaschen in Gläser umfüllen und dafür Geld kassieren. Das Geschäft mit dem Trinken lief irgendwie mit. Und in einer Ecke, denn eine gute Kneipe besteht immer nur aus lauter Ecken, trieben ein paar human und künstlerisch eingestellte frühe Stammgäste oder Schafkopfer ihren Vorsänger zum Singen. "Bauernschwanz', kaufts Rosenkranz'", hieß ein damals sehr beliebter Hit.

Alle warteten gemeinsam auf die Zukunft.

Die Zeit schritt voran. DIE KINOKNEIPE wurde, wahrscheinlich irgendwann in den End-70-ern renoviert, umgebaut, vergrößert. Der Tresen war jetzt grau und ging um die Ecke. Im entschiedenen Nach-Ikea-Stil konstruiert, verbreitet er souverän Saloon- und Westernstimmung. Seit dem "großen Umbau" kann man in Gesellschaft von Mabuse, dem Größenwahnsinnigen, Buster Keaton, dem Mann, der niemals lacht, und Charlie Chaplin, dem Typen, der immer verliert, trinken, dasein, vor sich hinschauen ... Sommer wie Winter.

Die Zukunft war tatsächlich gekommen. Ab und zu kamen jetzt ein paar Berühmtheiten vorbei: Sie kamen vorbei, ließen sich feiern unf gingen wieder. DIE KINOKNEIPE blieb einfach da.

Sie wurde moderner! Auf dem Kühlschrank wurde ein Farbfernseher aufgestellt, in dem Filme als Stummfilme betrachtet werden können. Das Licht ist zwar auch nach dem Umbau noch angenehm schummrig, aber hin und wieder schwingt sich DIE KINOKNEIPE - jetzt!!! - gekonnt zur exklusiv beleuchteten und beschallten absoluten In-Partyzone auf. Wer da noch nicht da war, kanns nicht wissen. Im Winter vergrößert sich DIE KINOKNEIPE wegen der Kurzfilmwoche für ein paar Wochen mit einem schönen, warmen Vorzelt. Und im Sommer hat sie - aber schon seit langem - den schönsten Biergarten vor der Tür.

Alles ist, nach über 44 Jahren, dieser großen Kneipenewigkeit, irgendwie anders, aber doch nicht gleich so anders, dass man vergisst, wo man ist oder wo man hingehört.

Wer allerdings die Thekenkräfte, die mit dem eigens dafür herangezogenen Stammpublikum immer noch am liebsten über Filme und Schallplatten und Konzerte reden, nach einer Breze fragt, wird freundlich, aber endgültig auf Gedächtnisschwund hingewiesen: "Wann bist du denn zum letzten Mal hier gewesen?"

mk